Körper-Theater

Fremde Welten Körperkunst

Medienpädagogikprojekt
von Sabine Oswald,
Juni 2003


These
Um ein Bewußtwerden des eigenen uns doch oft fremd gewordenen Körpers zu erreichen, ist Körperkunst eine Chance, sich selber zu spüren, sich auszudrücken, in Kontakt mit dem was mich umgibt,
in Raum und Zeit,
im Zusammensein mit anderen Menschen,
ästhetisch als Kunst in unserer Kultur.


Körpertheater


Körperkunst ist eine Form,
die entfremdete Welt -
unseren Körper -
wieder neu zu fühlen
und wahrzunehmen.

Wo bleibt das Bewusstsein,
daß wir nicht nur einen Körper haben,
der möglichst gut zu funktionieren hat,
sondern unser Körper sind,
in ihm atmen und leben.

Wo bleibt der Raum dafür,
diese faszinierende Welt,
die wir sind,
für uns zu entdecken,
in uns zu gehen,
den eigenen Atem zu hören
und fließen zu lassen,
Muskeln, Sehnen und Gelenke
bewußt wahrzunehmen
und uns wieder anzueignen?




Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater
Körpertheater



In der hier vorgestellten Form von Körpertheater wird dem inneren Bedürfnis nach Bewegung und Veränderung nicht in äußerer Geschwindigkeit durch technische Hilfsmittel Ausdruck gegeben, sondern im Wahrnehmen des natürlichen Bewegungsflusses, im Ausloten der eigenen Grenzen, im Spiel mit dem Gleichgewicht, im immer neuen Auffinden des Eigenen und des Anderen im Kontakt und in den unendlichen Möglichkeiten der Entfaltung.

Ein elementarer und bleibender Bestandteil des Übungswegs ist die Erweiterung der Empfindungsfähigkeit; dazu gehört in jedem Unterricht das Anregen und Lockern aller vitalen Kräfte einschließlich verschiedener Übungsabläufe für Atem und Bewegung, Haltungsaufbau und Spannungs-Ökonomie.

Die Bewegungs- und Kontakt-Improvisation steht im Mittelpunkt der Körpervorbereitung: Hier wird ein Vokabular "nicht-alltäglicher" Bewegungs-Qualitäten erlernt und geübt, das die Basis für die physischen Handlungen jeder Spielfigur bildet. Außerdem ist diese Arbeit ein intensives Training der Innen- und Außenwahrnehmung, im Kontakt zu sich selbst und zur Gruppe durchlässig zu werden für das Geschehen von Reiz und Reaktion.

  • Film über Übungsstunde (Flash-Format, ca. 5 MB) bitte hier klicken.


    Wenn sich die Spieler auf die literarische Vorgabe eines Autors einstimmen, ist es, als ob sie sich körperlich-sinnlich und geistig-seelisch öffnen - und so auch Zugang zur eigenen Erlebenstiefe bekommen.
    Aus dieser Verbindung entsteht und geschieht der Ausdruck in Bewegung und Stimme.

    Der Körper wird dabei neu, anders, einfach vielfältig entdeckt und zum Ausdruck gebracht. Diese Form von Körpertheater ist etwas ganz Besonderes und genau so besonders sind die Spieler, die Stücke, die sie spielen bzw. deren Autoren.


    Im Moment laufen die Probenarbeiten zu Daniil Charms Zirkus Sardam, ein als Marionettentheater geschriebenes "Kinderstück" des genialen russischen Dichters, der immer wieder die Lust zum kindlichen Spiel aufs Papier bringt.
    Skurril, grotesk, manchmal sinnlos und anders erscheint uns seine Literatur, sein Stil zu schreiben. Für die Schauspieler aber sind es gerade diese skurrilen Akzente, die sie immer neu motivieren uns Fremdgewordenes und Ungewohntes zum Leben zu erwecken.

    Die DarstellerInnen auf den Fotos und den Filmen von Sabine Oswald sind das Ensemble von "ZIRKUS SCHARDAM", also Uwe Bauer, Heli Fiedler-Weiss, Dariusz Fronczek, Judith Gaab, Erhard Grundler, Elke Hirschmann & Klaus Möller.

  • Zu Charms-Proben-Film (Flash-Format, ca. 5 MB) bitte hier klicken.


    Poetische Momente

    Daniil CharmasWas für ein merkwürdiger Vorfall in der Straßenbahn Nummer 3 passiert ist!
    Eine Dame in einem Kalikotjäckchen ließ 10 Kopeken auf den Boden des Wagens fallen.
    Ein Bürger, der in der Nähe der Dame gestanden hatte, bückte sich nach der Münze und raste, plötzlich in ein Schwein verwandelt, auf die Plattform hinaus.
    Die Fahrgäste im Innern des Wagens waren schrecklich verdutzt. Und sogar ein alter Mann sagte, mit seinen blauen Augen zwinkernd, an alle gewandt. Also so was! Das pure Rowdytum!
    Fremdewelt!
    (Textauszug von Daniil Charms)





    Interview mit einer Darstellerin

    Wie lange spielen Sie schon Theater?
    Eigentlich mein ganzes Leben lang, aber diese Art seit 1997 und speziell in dieser Gruppe seit 2002.

    Was gibt Ihnen diese Form von Theater?
    Es ist für mich Ausdruck von verdichtetem Leben. Das Leben in seiner ganzen Bandbreite kommt darin zum Ausdruck. Außerdem ist es für mich beinahe ein spiritueller Akt. Es lebt vom Geschehen im Augenblick, immer ist ein neuer Impuls da, der sich aus dem Kontakt mit den anderen Körpern oder den Figuren im Stück und dem Kontakt mit dem eigenen Inneren ergibt. Dies erfordert eine große Aufmerksamkeit für sich selbst, die anderen, die Balance im Raum, den jeweiligen Moment. Der Zuschauer und die anderen Mitspieler merken, ob man mit seiner ganzen Energie dabei ist oder ob man in Gedanken woanders weilt. Es forder die Präsenz für das "Hier und Jetzt" und hält einen darin lebendig.

    Was erwarten Sie von "gutem Theater"?
    Daß es einen in irgendeiner Form berührt, packt, in Spannung hält, selbst wenn es einen aussetzt. Daß es mehr lebt, als daß es gewollt oder konstruiert ist. Ein "gutes Theater" bleibt einem wie ein guter Film im Gedächtnis und seien es nur einzelne Bilder oder die Stimmung.

    Wie gehen Ihre Freunde mit dieser doch sehr skurrilen Form von Theater um?
    Sie sind interessiert und schätzen es als meine Form auch, wenn es für manche fremd bleibt.

    Wie wichtig ist Ihnen die Poesie bzw. der Klang der Sprache, Ihr eigener Ausdruck?
    Sprache ist mir sehr wichtig. Auch sie ist bereits Ausdrucksform. Spricht sie mich an, kann sie auch leichter aus mir sprechen. Gute Sprache ist ein Lustgewinn.

    Sie spielen doch immer sehr außergewöhnliche Stücke von außergewöhnlichen Autoren! Wie treffen Sie Ihre Auswahl?
    Dies ist kein leichter Vorgang. Es müssen mehrere Faktoren zusammentreffen: Ansprechende Sprache, ein besonderer Humor, ein Stück, das nicht von einigen wenigen Hauptrollen dominiert wird, sondern in dem alle ungefähr gleichwertig zum Zug kommen - das ist mit das Schwierigste - und das Stück darf nicht zu textlastig sein, da es uns darauf ankommt, den Ausdruck im Körper zu suchen. Bei einem Stückbeispielsweise, das sehr vom Wortwitz lebt, kommt es vor allem auf Textkenntnis, schnelle Wechsel und den Sprechausdruck an. So ein Stück kann auch sehr statisch auf gespielt werden, das it dann eine ganz andere Form von Theater. Wir begeben uns also gemeinsam auf eine solche zu uns passende Art von Stück und entscheiden uns nach gemeinsamer Lesephase dafür oder dagegen.

    Hatten Sie am Anfang Probleme mit der Nähe, Ihre Körper befinden sich ja doch relativ oft nah aufeinander?
    Das ist lange her. Am Anfang schon. Die Hauptprobleme bei der Nähe liegen darin, daß man sich einem anderen nicht so wie man ist zumuten möchte. Das verliert sich mit der Zeit und dem wachsenden Bewußtsein für den eigenen Körper.

    Wie erotisch finden Sie Ihre Theaterform?
    Unser Theater lebt vom Spiel mit den Kräften, von Nähe und Distanz, von Annäherung, Leidenschaft, Abweisung und erneutem Beziehungsaufbau, manchmal in sehr schnellem Wechsel. Im Zentrum steht das Spiel mit der Energie des Augenblicks. Dieses Spiel ist äußerst lustvoll durch alle Gefühlslagen hindurch und entbehrt gewiß nicht einer Erotik. Doch entspricht es möglichweise nicht dem landläufigen Begriff davon. Oder doch? Das müssen Sie selbst beurteilen.

    Wie versuchen Sie Ihr Bühnenbild zu gestalten?
    Mit einfachen, dem Charakter des Stücks angemessenen Mitteln, sehr schlicht, sehr klar und funktional, nichts, das vom Spiel ablenken könnte. Im Charmsstück beispielsweise versuchen wir die Zirkusatmosphäre durch blaubemalte Ölfässer anzudeuten, die in die halbrunde Form einer Arena gestellt werden. Mit diesen Fässern wird gespielt. Von dort aus beginnt das Stück, immer in anderer Form. Die Fässer sind eine Art lebendiger Gegenstand, der das Geschehen auf der Bühne mitbestimmt und mit dem ebenso in Kontakt getreten werden mußß, wie mit den anderen Spielern und den Zuschauern.

    Welcher Reiz liegt darin, immer alle Spieler auf der Bühne zu haben?
    Es ist von außerordentlichem Reiz. Daraus entwickelt sich eine besondere Art von Spannung. Alle sind jewils mit ihrer ganzen Aufmerksamket beim Spiel, egal, ob sie gerade etwas zu sagen haben oder nicht. Wenn jemand innerlich aussteigt, merkt man es sofort. Es stört die Balance im Ganzen. D.h., die einzelnen Spieler leben auch voneinander, von dem was die anderen jeweils mit- und einbringen. Das ist befruchtend für das eigene Spiel. Es steht im Kontakt mit den anderen und ist doch der eigene Ausdruck.

    Würden Sie sagen, Ihr Theatertraining hilft Ihnen im Beruf bzw. können Sie es im Alltag anwenden?
    Ich empfinde es als eine Art Lebensschule. Auch im Alltag kommt es darauf an, wie präsent ich bin. Jeden Augenblick wirken unzählige Impulse auf uns ein, auf die wir in irgendeiner Form reagieren müssen. Immer kommt es darauf an, im Kontakt, in der Auseineandersetzung mit dem was mich umgibt, mein Eigenes zu finden. Der eigene Ausdruck wirkt wieder auf die Umwelt ein und umgekehrt und so bleibt man in dauernder Bewegung. Je offener man sich diesen Impulsen stellen kann, je kleiner die Angst wird, daß man sich selbst verliert, wen man sich anderen, fremden, von außen kommenden Impulsen öffnet, umso freier und lebendiger wird man. Das Körpertheater besonders in der Freien Aktion ist ein hervorragender Übungsraum ohne therapeutischen Anspruch. Die Veränderung ergibt sich ganz automatisch je mehr man sich auf den natürlichen Fluß einläßt, der sich übrigens auch in unserem Atem widerspiegelt.

    Vielen Dank!



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